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"Zerstörerische EU-Milchpolitik wirkt bis Indien"

Produktivitätssteigerungen und Exportorientierung in Europa setzen kleinbäuerliche Milchproduktion weltweit unter Druck; Foto: Fotolia

Auf Einladung unter anderem der Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung, FIAN, reist derzeit Kannaiyan Subramaniam, Milchbauer aus Tamil Nadu in Südindien, durch Europa. Dabei machte er auch Station in Österreich.

In Wien berichtete Subramaniam von einem relativ gut funktionierenden Milchmarkt in Indien, dem mit 1,32 Milliarden zweitbevölkerungsreichstem Land der Welt. Laut Zahlen aus dem US-Landwirtschaftsministerium in Washington ist Indien mit gut 140 Millionen Tonnen der weltgrößte Produzent von Kuh- und Büffelmilch.

Die Milchproduktion in Indien baue laut dem Aktivisten überwiegend auf einem Genossenschaftssystem sowie kleinbäuerlicher Produktion auf. Subramaniam: „Bei uns besitzt ein Bauer im Durchschnitt bis zu fünf Kühe, oftmals werden die Tiere im Hinterhof gehalten. Größere Höfe, von denen es aber nur wenige gibt, haben bis zu 15 Kühe.“ 15 bis 25 Rupien, umgerechnet 21 bis 36 Cent, erhalten sie je nach Fettgehalt für einen Liter Milch. Dafür geben Kühe in Indien weit weniger Milch als anderswo, oft gerade mal fünf bis zehn Liter pro Tag.

Dennoch bedienen die Millionen kleinen Milchviehhalter, viele davon Frauen, immerhin 70 Prozent des Milchmarktes. Etwa ein Viertel des landwirtschaftlichen Bruttosozialprodukts in Indien werden so erwirtschaftet, wurde betont.

Der genossenschaftlich organisierte Milchmarkt in Indien gerät jedoch laut Subramaniam zunehmend unter Druck, der vor allem vom Überschüsse produzierenden europäischen Milchsektor ausgelöst würde. Private Molkereien, die es seit den 1990er Jahre parallel zu den Genossenschaften auch in Indien gibt, werden von großen europäischen Unternehmen aufgekauft. „Erst kürzlich hat der französische Milchriese Lactalis eine große private Molkerei, Tirumala Milk aus Andra Pradesh, gekauft. Damit wird das System der Kooperativen wissentlich auch von europäischen Konzernen zerstört. Wir befürchten, dass sich dieser Trend durch das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien noch verstärken wird“, so Kannaiyan Subramaniam.

Vor allem der in Brüssel ansässige europäische Milchbranchenverband Eucolait mit Mitgliedern aus 14 EU-Staaten - neben Deutschland, Frankreich, Niederlande, Dänemark, Irland und Großbritannien auch Österreich - versuche vehement, Zugang zum indischen Markt zu bekommen. Die Liberalisierung der Milchmärkte in Europa, deren jüngster Schritt 2015 die Abschaffung der Milchquotenregelung war, bedrohe mittlerweile die Existenz vieler milchproduzierender Betriebe nicht nur in Europa, lautete die Kritik des Inders: „Die propagierten Lösungen wie Produktivitätssteigerungen und Exportorientierung setzen die kleinbäuerliche Milchproduktion auch weltweit unter Druck und bieten keine Perspektive für den angeschlagenen Milchsektor.“

Das ist Wasser auf die Mühlen der Gegner der von Brüssel verfolgten, eher liberalen Agrarpolitik. Absatzfördernde Maßnahmen etwa mit „Exportoffensiven nach Indien, China oder sonst wohin“ seien kein nachhaltig wirksames Instrument zur Bekämpfung der Krise, betonten etwa in Wien Vertreter der IG Milch. Sie forderten vielmehr „den Mut zu einer Umkehr zu einer Mengensteuerung, zur Drosselung der Produktion und zum Aufbau neuer und solidarischer Vermarktungswege.“

 Judith Moser-Hofstadler, Milchbäuerin und Vorstandsmitglied der überparteilichen Bergbauernvereinigung „ÖBV-Via Campesina Austria“, sprach sich ebenfalls gegen „die Scheinlösungen“ der österreichischen und europäischen Agrarpolitik zur Bekämpfung der angespannten Situation auf dem Milchmarkt aus: „Mit dem Anspruch, die Betriebe sollten wachsen, werden nicht nur bei uns die bäuerliche Landwirtschaft und damit Arbeitsplätze vernichtet.“ Es brauche vielmehr politische und wirtschaftliche Unterstützung beim Aufbau regionaler und alternativer Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen.

BERNHARD WEBER

 

 

 

 

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