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Nur 16 % der Bauern setzen auf Wachstum

Agrarumfrage zeigt auf, was Österreichs Bauern wirklich wollen; Foto: agrarfoto.at

In einer Befragung wurden die Sichtweisen und Wünsche von 500 Bäuerinnen und Bauern an die heimische Agrarpolitik erhoben. Das Ergebnis dürfte vor allem Agrarpolitiker überraschen und zu denken geben, die gerne einer Intensivierung der heimischen Landwirtschaft das Wort reden.

Österreichs neuer Landwirtschafts- und Umweltminister trifft mit seinen ersten agrarpolitischen Ansagen offenbar die gängige Meinung der Landwirte. Sein betontes Auftreten gegen das umstrittene Beizmittel  „Force“ („Im Zweifel für den Regenwurm!“) sowie gegen Monokulturen („Kampf gegen den Maiswurzelbohrer!“) ist, traut man einer neuen Umfrage, auch in Bauernkreisen absolut mehrheitsfähig.

In Auftrag geben wurde die Landwirte-Befragung im November 2013 durch die unabhängige KeyQuest-Marktforschung von den Grünen Bäuerinnen und Bauern. Deren Ergebnis wurde BLICK INS LAND exklusiv zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Bedenken, dass die Erhebung unter Betriebsführern damit überwiegend „grünes Gedankengut“ widerspiegle, können vorweg mit dem Wahlverhalten den Befragten entkräftet werden: Gerade einmal 23 % halten die Agrarpolitik der Grünen "grundsätzlich für unterstützenswert", nur 8 % haben die Partei auch schon einmal gewählt, 86 % noch nie.

Weit interessanter sind dagegen die eigene Sichtweise der Interviewten und auch die persönlich formulierten Anliegen an ihre politischen Vertreter. Und noch vorweg: Neun von zehn der Umfrage-Teilnehmer sind über 35 Jahre alt, darunter 37 % Frauen, 85 % konventionell wirtschaftend und 56 % im Haupterwerb Landwirt, die durchschnittliche Betriebsgröße der Befragten beträgt 36 Hektar:

Nicht wirklich überraschend betrifft der am häufigsten genannte Wunsch an die Agrarpolitik „faire Preise für landwirtschaftliche Produkte“ (28 %), immerhin gefolgt von „mehr Unterstützung für die kleinen Betriebe“ (23 %) sowie die Forderung nach „vernünftige Rahmenbedingungen schaffen“ (16 %). Das „Fördersystem verbessern/beibehalten“ ist für 13 % wichtig, der „Abbau von Bürokratie“ für 11 %.

Wenig bedeutend für die Bauern sind dagegen bei spontaner, nicht vorgegebener Nennung die Themen „mehr Unterstützung für Bergbauern und benachteiligte Gebiete“ (7 %), aber auch „regionale Lebensmittel fördern“ (4 %) oder „Planungs-, Rechts- und Zukunftssicherheit“ (3 %).

Bei vorgegebenen Aussagen zur Agrarpolitik, wofür sich diese einsetzen solle, manifestiert sich vor allem ein unterschwelliger Vorbehalt gegenüber der Kontrollbehörde AMA: 92 (!) % (62 % sehr) wollen „mehr Rechtsschutz für Bauern bei Agrarförderungen gegenüber der AMA“, 83 % (47 % sehr) mehr Einsatz „für praxisgerechte Umwelt- und Tierschutzauflagen.“

Erstaunlich: 68 % (34 % sehr) der Landwirte wollen, dass sich ihre politischen Vertreter für die Verminderung des Einsatzes von Pestizidem stark machen. Und 61 % (35 % sehr) sind gegen die Intensivierung der Landwirtschaft – und wollen dafür auch die Unterstützung ihrer politischen Vertretung.

Die neue einheitliche Betriebsprämie für Grünland- und Ackerflächen mit der nächsten GAP-Reform beurteilt die Mehrzahl der Befragten positiv. 68 % (35 % sehr) sind für das neue Fördergeldmodell, egal ob Besitzer von weniger als zehn oder Bauern mit mehr als 51 Hektar Land.

Sich gegen die Intensivierung der Landwirtschaft einzusetzen fordern vor allem Landwirte mit Volks- und Hauptschulabschluss, aber auch jene mit einer landwirtschaftlichen Lehre (72 u. 65 %). Landwirte mit Matura, Universitätsabschluss oder FH-Absolventen sind mit 62 % mehrheitlich dagegen.

Zu denken geben sollten Österreichs Agrarpolitikern bei der Erstellung ihrer nächsten Sonntagsreden vor allem die Selbstsicht und Pläne der Bäuerinnen und Bauern, was deren eigenen Höfe betrifft: Bloß bescheidene 16 % der Befragten gaben an „mit unserem Betrieb konsequent auf Wachstum zu setzen“. 68 % dagegen wollen einfach nur “den gegenwärtigen Stand halten“. 16 % beabsichtigen indes, ihren Betrieb „in den nächsten Jahren einzuschränken oder gar aufzugeben“.

Laut Markus Schedlberger von KeyQuest in Garsten ist das im November und Dezember 2013 telefonisch und computergestützt erhobene Stimmungsbild mit 500 Befragten „repräsentativ für Österreichs Landwirtschaft.“ Schedlbergers Interpretation der Daten: „Faire Preise sind für fast alle Landwirte wichtig, werden aber am häufigsten von Haupterwerbsbauern und Ackerbauern genannt. Praxisgerechte Umwelt- und Tierschutzauflagen sind vor allem für Grünwähler und Bio-Betriebe wichtig.“

Deutlich geringer, wenngleich mit mehr als zwei Drittel Zustimmung - die Beipflichtung zur Verminderung des Pestizideinsatzes. „Das wird vor allem von Betrieben ohne Ackerflächen, Bergbauern und Biobauern unterstützt“, so Schedlberger. Und: „Interessanterweise nimmt hier die Zustimmung mit höherer landwirtschaftlicher Ausbildung ab.“ Je besser also die Ausbildung, desto weniger sind Landwirte (5 % mit Agrar-Matura oder Studium) auch dafür, dass sich die Politik gegen die Intensivierung einsetzt.

Für jene Agrarfunktionäre, die derzeit möglichst in der „nachhaltigen Intensivierung“ der heimischen Landwirtschaft ein Zukunftsmodell sehen, ist das Ergebnis also wohl eher ernüchternd. Sie müssen sich fragen (lassen), ob sie mit ihren Ansichten nicht an der breiten Masse der heimischen Bauern vorbei arbeiten und mit ihrer Position ehe die Anliegen einer kleinen, wenn auch nicht unbedeutenden Gruppe innerhalb des Bauernstandes vertreten.

Auch für Wolfgang Pirklhuber, Agrarsprecher der Grünen und einer der Auftraggeber der Befragung, birgt das Ergebnis "pro und kontra": Seine abgefragte Bekanntheit unter den Landwirten beträgt bundesweit 55 %, in seiner Heimat Oberösterreich immerhin 76 %. Mit zunehmender Betriebsgröße und steigender Ausbildung steigt zwar seine Bekanntheit, gleichzeitig sinkt aber auch die grundsätzliche Zustimmung für seine grüne Politik. Immerhin: er kommt bei den Bäuerinnen (32 %) besser an als bei den Bauern (25 %), punktet aber vor allem bei Biobauern (58 %).

Pirklhubers Resümee: „Es freut mich, dass die Mehrheit der Bäuerinnen und Bauern eindeutig auf Seiten einer kreislauforientierten, naturnahen Landwirtschaft steht.“ Für ihn sei das „ein Ansporn, noch intensiver für die Erhaltung der bäuerlichen Arbeitsplätze und gegen Dumping und Industrialisierung zu kämpfen. „Entbürokratisierung und eine unabhängige Schiedsstelle gegenüber der AMA, die Veröffentlichung des Sanktionskataloges und Einführung einer Umverteilungsprämie für die ersten 30 Hektar sind für mich Eckpunkte einer ökosozialen Agrarreform 2014 bis 2020.“ Den Antrag dazu hat Pirklhuber dazu bereits im Dezember im Parlament eingebracht.

BERNHARD WEBER

Eigne Zukunftsprognosen von 500 Betriebsführern*
16 % sagen: „Wir werden auf Wachstum setzen.“
68 % erklären: „Wir werden den gegenwärtigen Stand halten.“ 
16 % meinen: „Wir werden den Betrieb einschränken/aufgeben.“
* Durchschnittliche Betriebsgröße 36 Hektar, durchschnittliches Alter 49 Jahre,
Quelle: KeyQuest, 11-12/2013


Dazu auch der Kommentar „Genau betrachtet“ von BLICK INS LAND-Chefredakteur BERNHARD WEBER

Nah am Alltag
Die BLICK INS LAND exklusiv zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellte KeyQuest-Befragung von 500 Bäuerinnen und Bauern aus ganz Österreich sollte bei Agrarpolitikern die Alarmglocken läuten lassen.  Die Betriebsführer – Acker- und Grünlandbauern, Tierhalter wie Viehlose, sich im Haupt- oder im Nebenerwerb Verdienende – haben mit ihren Aussagen und Antworten ihre Sicht auf die agrarpolitischen Anforderungen der nächsten Jahre bekundet.

Wohl sonst weit überwiegend treu dem Bauernbund sowie der von ihm dominierten Kammer nahestehend, zeigen deren Reaktionen ein ganz anderes Anforderungsprofil, als von den höchsten Funktionären landläufig propagiert.  Zündstoff birgt etwa der Vorbehalt fast aller Befragten gegenüber der AMA: 92 Prozent fordern dieser gegenüber „mehr Rechtsschutz“. Trotz Beanstandungsquoten bei der Fördergeldabwicklung im unteren einstelligen Prozentbereich hat die Kontrollbehörde offenbar ein massives Imageproblem. Selbst das Finanzamt genießt hierzulande in der Bevölkerung ein höheres Ansehen.

Auch der Wunsch, sich gegen Intensivierung oder Pestizide einzusetzen trifft derzeit kaum das übliche Auftreten ihrer eigenen Vertreter im realen Leben, die meist lautstark dem  „nachhaltigen Wachstum“ das Wort reden. Größer werden will  aber nur eine geringe Minderheit der Betriebe.

Eher unbedarft:  der Wunsch an die Politik nach „fairen“ Preisen, weil seit jeher an den falschen Adressaten gerichtet. Allerdings nah am Alltag in Stall und Hof, von dem sich viele Top-Funktionäre vielleicht schon längst verabschiedet haben.

 

 

 

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