Agrana: Liebe Not mit E 10 und ActiProt
Wichtiges Nebenprodukt aus Ethanolerzeugung - gvo-freies ActiProt - ist in Österreichs Ställen auffallend wenig gefragt; Foto: Agrana
125 Mio. Euro hat die Agrana bisher in ihr Bioethanolwerk nahe Tulln investiert. Schon bald wird dort neben Bioethanol, Eiweißfutter und flüssigem CO2 auch Weizenstärke produziert. Der Treibstoff-Zusatz für E 10 ist politisch jedoch nach wie vor umstritten. Und auch der Inlandsabsatz des Eiweißfutters „ActiProt“ floriert längst nicht so stark wie erhofft.
Stolze 65 Mio. Euro steckt der Agrana-Konzern in die neue Weizenstärkefabrik in Pischelsdorf an der Donau. Sie soll Ende 2013 in Betrieb gehen. Dieser Tage war offiziell die Grundsteinlegung für die neue Anlage. Neben gefragter Industriestärke sowie Gluten für die Backwarenindustrie sollen auch die restlichen Rohstoffbestandteile im danebenliegenden Bioethanolwerk verspritet sowie zu AcitProt verarbeitet werden. Die Inlandsnachfrage gerade nach dem gentechnikfreien Eiweißfutter lässt jedoch zu wünschen übrigen - dabei könnte alleine die ActiProt-Produktion von Pischelsdorf rund ein Drittel aller Soja-Importe aus Südamerika ersetzen.
Die Bioraffinerie Pischelsdorf sei „ein Musterbeispiel für eine sinnvolle Verwertung regionaler Getreideüberschüsse“, betont Agrana-Chef Johann Marihart. Derzeit werden dort aus rund 500.000 Tonnen Futterweizen und Mais etwa 210.000 Kubikmeter Biotethanol sowie bis zu 180.000 t ActiProt hergestellt. Im neuen Stärkewerk sollen künftig 250.000 t Weizen verarbeitet, die Zahl der Mitarbeiter am Standort Pischelsdorf um 50 Personen aufgestockt werden. Seit kurzem wird auch das bei der Ethanolproduktion anfallende biogene CO2 verflüssigt und als Zusatz etwa für kohlensäurehaltige Getränke abgesetzt.
Das Getreide sowie der Mais kommen aus einem Umkreis von etwa 300 km aus Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei. Die jährliche Getreideproduktion der vier Länder beträgt rund 28,5 Mio. Tonnen, gut ein Zehntel einer üblichen EU-Ernte und damit um 9 Mio. Tonnen mehr als für Nahrungs- und Futterzwecke notwendig.
Die Produktion von Ethanol als Öko-Zusatz für Benzin seit Sommer 2008 entlastet nicht nur den Getreidemarkt, sondern hilft auch Österreichs schlechte CO2 Bilanz um immerhin 190.000 t Treibhausgasemissionen zu verbessern, rechnet man seitens der Agrana vor. Doppelt so viel wäre möglich. Allerdings wird etwa die Hälfte der Ethanolmenge mangels höherer Beimischungsanteile des Bio-Alkohols zu Benzin nach wie vor ins benachbarte Ausland verkauft.
Die Diskussion um E 10 ab Herbst 2012 auch in Österreich ist seit Monaten verfahren, seit vor allem in Deutschland Autofahrer, Umweltschützer und in Ethikfragen verunsicherte Bürger (Nahrungsmittelrohstoffe im Tank) den höheren Biosprit-Anteil im PKW-Treibstoff boykottiert haben. Auch Marihart räumt ein: „Bei E 10 hapert es! Die Logik dafür ist nicht so leicht transportierbar.“ Da sich in Österreich je zwei Minister beider Koalitionsparteien – Gesundheits- und Verkehrsminister von der SPÖ, Wirtschafts- und Umweltminister von der ÖVP, Anm.) auf die Einführung von E 10 verständigen müssen, rechnet der Agrarindustriemanager „eher mit einer schrittweisen Einführung“ höherer Ethanolanteile.
Nicht an den heimischen Mineralölkonzern OMV abgesetztes Ethanol wurde zuletzt zu einem Drittel an eine OMV-Tochter in Rumänien, an die Bayernoil sowie der Rest nach Rotterdam verkauft. Marihart, verärgert über den anhaltenden Widerstand gegen Bioethanol etwa als nicht nachhaltige Energieressource oder gar Mitverursacher von Hunger in der Welt: „Da kaufen wir (der Staat, Anm.) halt lieber Verschmutzungszertifikate international zu oder befürworten eine EU-Agrarpolitik, die sieben Prozent der Flächen stilllegen will.“
Ähnlich schaumgebremst ist nach wie vor der Inlandsabsatz des Koppelproduktes ActiProt. Gerade mal ein Drittel der Produktion findet auch den Weg in die rot-weiß-roten Ställe. Nach wie vor verfüttern nur wenige Rinderhaltern und kaum Schweinemäster in Österreich das garantiert gentechnikfreie Eiweißfutter an ihre Tiere. Tendenz: stagnierend. Trotz rasant gestiegener Preise für Sojaschrot, die ActiProt mittlerweile hinsichtlich der Kosten günstiger gestellt hätten, so Marihart, gehe das Futtermittel überwiegend nach Italien.
Auch das Gros der Mischfuttererzeuger zeigt Actiprot bis dato die kalte Schulter. „Mit GVO-Soja aus Übersee ist halt nach wie vor noch mehr zu verdienen“, glaubt ein Insider die Gründe dafür zu kennen, warum auch der dominierende Agrarhandel in Genossenschaftshand bis dato nicht von den mittlerweile auch wissenschaftlich untermauerten Vorzügen des Eiweißfuttermittels aus Pischelsdorf überzeugt werden konnte. Immerhin: außerhalb Österreichs Grenzen findet ActiProt unter Bauern und Futterhändlern seine Abnehmer, „alles was wir produzieren wird auch verkauft“, sagt Werksleiter Josef Eigenschenk.
BERNHARD WEBER





















