zur Navigation . zum Inhalt

Zum Seitenanfang springen .

home

Im Gespräch

"Kein Platz mehr für Eigenbrötlereien“

Foto: Österreichischer Bauernbund

Bauernbunddirektor JOHANNES ABENTUNG zu Preisverfall, freiem Markt und fehlende Marktstrategien auf allen Ebenen, vor allem im Export.

BLICK INS LAND: In Frankreich demonstrieren die Bauern lautstark gegen Preisverfall und EU-Binnenmarkt. Auch hierzulande schielen manche mit Inbrunst auf solche Protestaktionen. Ihre Meinung dazu?

Abentung: Man muss den Hintergrund dafür sehen, nämlich dass Bauern und ihre Familien, die vielleicht auch kräftig in ihre Betriebe investiert haben und Kredite zurückzahlen sollen und auf bessere Preise gehofft haben, um halbwegs über die Runden zu kommen, nun verzweifelt vor echten existenziellen Problemen stehen. Solche Bauern gibt es nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns. Dort kommt vielleicht auch noch ein gewisser Temperamentsunterschied dazu. Man muss diese Situation also ernst nehmen.

Was kann man tun?

Da muss man zwischen drei Ebenen unterscheiden: die Marktebene mit einem Oligopol bei den Handelsketten mit einem Überangebot an Filialen, einem extremen Wettkampf, damit geringeren Gewinnen und immer geringeren Spielräumen. Der Handel übt über seine Einkäufer einen immer größeren Druck aus auf die Ebene der Verarbeiter, die aus Angst, der Mitbewerber kommt zum Zug, bei den Preisen nachgeben. Und das geht am Ende auf Kosten der Landwirte-Ebene. Und egal ob der Bauer daran denkt, auf Bio umzustellen, um vielleicht doch etwas bessere Preise etwa für seine Milch zu bekommen, er muss am Ende immer mehr liefern. Wenn er weniger liefert und die Preise weiter fallen, bleibt er auf seinen Kosten sitzen. Keine der drei Ebenen trägt Verantwortung für die anderen beiden und sichert nur auf das eigene Überleben schielt. Der Schwächste ist aber der Bauer. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden.

War der Milchpreisverfall mit dem Quotenende (nicht) vorhersehbar?

Man hat es nicht genau gewusst. Es gab Expertenmeinungen in beide Richtungen. Und ob der Preisverfall im Inland allein darauf zurückzuführen ist bezweifle ich, sondern eher auf die erwähnte Marktsituation.

Aber es gibt doch zum Beispiel die Intervention der EU bei Milch?

Eine Anhebung der Interventionsschwelle auf 25 Cent je Kilogramm bringt uns in Österreich nichts, weil sie eher die Milch von ausländischen Mitbewerbern im Geschäft hält, deren Preis schon darunter liegt.

Führt ein freier Markt also am Ende in den Ruin?

Der viele gelobte „freie Markt“ hin oder her – es gibt auch Wirtschaftswissenschaftler, die unter gewissen Voraussetzungen bei Marktversagen Ausnahmen das Wort reden. Ein solches ist für mich etwa der Wegfall der Russland-Exporte aus den bekannten weltpolitischen Gründen. Auch die EU hat diese Situation mit herbeigeführt, weshalb sie die Landwirtschaft, die besonders stark davon betroffen ist, nicht im Stich lassen darf.

An welche Ausnahmebedingungen denken Sie?

Bevor einzelne Sparten der Landwirtschaft an die Wand fahren, muss marktregulierend gehandelt werden.

Ein Sondertreffen der Agrarminister soll Anfang September die Marktkrise behandeln. Was ist davon zu erwarten?

Wir wollen jedenfalls, dass von Seiten der EU eingegriffen wird, wenn es um bäuerliche Existenzen geht. Das betrifft die gemeinsame Marktordnung ebenso wie das Kartellrecht bis hin zu unverbindlichen Preisempfehlungen für regionale Erzeugnisse, damit sich die Konsumenten ein Bild machen können. Alles völlig transparent und freiwillig, verbunden mit mehr Bewusstseinsbildung bei den Konsumenten um die Wertigkeit von regionalen Nahrungsmitteln.

Müssten nicht auch die Produktion etwas zurückgefahren werden?

Die Quote hat man ja grade abgeschafft! Österreichs Produktion trägt mit seiner Mini-Menge von gerade mal zwei Prozent des Milchaufkommens in der EU zu allerletzt am Preisverfall bei. Und die Neuseeländer würden sich wohl die Hände reiben, wenn die EU drosselt.

Aber höhere Preise allein befeuern am Ende fast immer die Produktion. Und konkret bei Milch produziert Österreich weit mehr als wir verbrauchen, nämlich 150 Prozent…

Österreich ist exportorientiert. Wieso sollte für eine GVO-freie Spitzenqualität wie die unsere nicht ein höherer Preis erzielbar sein? Wir stehen vor einer Weggabelung: Qualitätsstrenge oder Industriemilch. Wir produzieren Milch unter den strengsten Bedingungen, die wir uns selbst geschaffen haben. Also muss es auch möglich sein, diese dementsprechend nicht nur in Österreich zu vermarkten. Hier sind wir gefordert, am Markt entsprechend etwas zusammenzubringen

Egal ob bei Fleisch, Milch oder Obst und Gemüse, man hat den Eindruck nichts geht mehr, im Inland wie im Export. Die Lager und Kühlhäuser sind voll. Braucht es also völlig neue Strategien entlang der Wertschöpfungskette?

Ich denke, wir werden in absehbarer Zeit rund die Hälfte unserer Agrarprodukte naturnah, bio, aus Heumilch, mit Nischenware zu entsprechenden Preisen erzeugen und alles andere als klassische „Commodities“ zu weit geringeren Kosten. Und wer eine regionale Versorgung mit gesunden Lebensmitteln haben will, muss die Bauern über den Preis Leben lassen. Aber auch die Landwirte selbst sind gefordert. Wir wissen aus der Beratung, dass je ein Viertel der Bauern in den verschiedenen Sparten besonders gute Deckungsbeiträge erzielen, andere dagegen nicht.

Was erwarten Sie von den Verarbeitern, dem Handel und den Konsumenten? Noch patriotischer einkaufen?

Das allein ist zu wenig. Das machen viele Leute schon, wofür ihnen auch zu danken ist. Wir brauche aber sicher noch mehr Transparenz bei der Kennzeichnung. Und der Handel sollte mehr auf jene Qualitätsprodukte achten, die ihm angeblich so lieb sind, auch weil sie hohe Margen bringen, sonst gibt es die typisch österreichischen Agrarprodukte irgendwann einmal nicht mehr.

Spielt Österreichs Landwirtschaft ihr Image (bio, natürlich, umweltfreundlich) wirklich bestmöglich aus?

Wir schlagen uns unter unserem Wert. Es fehlt an guten Konzepten und Marktstrategien, vor allem im Export. Speziell bei Fleisch haben wir nur ein Drittel Markenprogramme, der Rest wird als Commodities angeboten, also Qualitätsfleisch zu Preisen von Industrieware.

Haben Agrarprodukte aus Österreich im großen Stil wirklich Chancen am Weltmarkt von USA bis China?

Ja, etwas mit Wein und Käse. Aber mit allem anderen, womit wir nicht einmal in der EU reüssieren können, brauchen wir nicht nach Übersee schauen.

Der Landwirtschaftsminister fordert von der nachgelagerten Wirtschaft mehr Zusammenarbeit im Export ein – wie realistisch ist das?

Schon Bauernbundpräsident Auer hat die Gründung einer agrarischen Exportagentur gefordert, um potentielle Exporteure besser zu unterstützten und deren Angebot zu bündeln. Kleinere Genossenschaften etwa können sich hier Alleingänge doch gar nicht leisten. Die Reaktionen darauf waren positiv und es gibt dazu eine Arbeitsgruppe, deren Ergebnisse werden noch im Herbst erwartet.

Herbstzeit ist Erntezeit: Was verbucht der Bauernbund als politische Erfolge der vergangenen Monate?

Wir haben in der EU mit der raschen Umsetzung der Agrarförderungen in Säule 2, aber auch rund um die Steuerreform die politischen Rahmenbedingungen für die Bauern für die nächsten Jahre abgesichert. Da steckt extrem viel Arbeit und Aufwand dahinter, etwa in Brüssel durch Bundesminister Rupprechter oder innenpolitisch dankt Bauernbundpräsident Auer, Vizekanzler Mitterlehner und Finanzminister Schelling gegen enormen Widerstand. Auch wenn einige Belastungen „nur“ verhindert wurden, ist das doch eine gute politische Ernte für die Bauern. Nun müssen uns noch besser für die Marktanforderungen aufstellen, um uns mit unseren Produkten durchzusetzen. Je besser wir hier alle zusammenwirken, desto größer werden unsere Chancen sein. Wir haben Top-Qualitäten, die wir aber aufgrund der international gesehen kleinen Mengen besser bündeln müssen. Für Eigenbrötlereien ist kein Platz mehr. Das muss der Bauernbund laut sagen dürfen.

Wie beurteilt man im Bauernbund die jüngsten Personalrochaden im ÖVP-Parlamentsklub? Stimmen aus der Jungen ÖVP nennen sie „peinlich, beschämend, einer bürgerlichen Partei nicht würdig“. Und warum verwehrt man sich so explizit gegen eine Rückkehr des Ex-Bauernbündlers Leo Steinbichler vom Team Stronach in den Schoß der ÖVP?

Bei Steinbichler verhält es sich ähnlich wie in einer Genossenschaft: Wenn einer abhaut, weil er woanders meint, einen höheren Preis zu bekommen und in schlechten Zeiten wieder zurück will wird es schwierig. Ich kann aber nicht für den VP-Parlamentsclub sprechen.

Ihre EU-Abgeordnete Elisabeth Köstinger besticht in Interwies immer wieder mit treffsicheren agrarpolitischen Aussagen. Vier von zehn Bauernhöfen werden bereits von Frauen geführt. Ist „Österreichs erste Agrarministerin“ nur noch eine Frage der Zeit?

Elli Köstinger macht einen sehr guten Job in Brüssel. Und Andrä Rupprechter ist ein sehr guter Bundesminister. Andere Fragen stellen sich jetzt nicht.

Interview: BERNHARD WEBER

Zur Person Dr. Johannes Abentung, 54, gelernter Jurist, ist seit 2009 Direktor des Österreichischen Bauernbundes. Davor war er ab 1993 Sektionschef im BMLFUW.

 

 

 

Suchen
Werkzeuge
Leserbrief an die Redaktion schreiben.PDF-Version dieser Seite.Diese Seite drucken.Diesen Link senden.
  • Lebensmittelbuch online
unsere Angebote